Therapie-Essentials
- First-Line: Glukokortikoide 15–25 mg Prednison-Äquivalent/Tag unmittelbar nach Diagnose
- Treat-to-Target: Remission = keine klinischen Symptome + normale Entzündungsparameter
- Dosisreduktion: Kontinuierlich, 10 mg/d innerhalb 4–8 Wochen erreichen, dann 1 mg/Monat
- Therapiedauer: GC-Monotherapie ≤ 1 Jahr, mit Biologika ≤ 16 Wochen GC
- Bei Rezidiv/hohem GC-Risiko: IL-6-Rezeptor-Blocker additiv – Sarilumab seit 12/2024 zugelassen!
- Alternativen: Methotrexat oder Rituximab (off-label)
Bei Kopfschmerzen, Sehstörungen, Kauclaudicatio oder Pulsverlust an A. temporalis → umgehend RZA-Diagnostik und ggf. Hochdosis-GC! Ca. 20% der PMR-Patienten entwickeln eine RZA.
Übergeordnete Prinzipien
Die S2e-Leitlinie 2024 formuliert vier übergeordnete Prinzipien, die den aktuellen Betreuungsstandard („good clinical practice") in der Behandlung der PMR widerspiegeln.
• Bis Remission: alle 1–4 Wochen
• Stabile Remission: alle 3–6 Monate
• Nach Therapieende: individuell
Therapie-Algorithmus
Therapiefluss: PMR ohne RZA
RZA ausgeschlossen
15–25 mg Prednison-Äquivalent/Tag
oral, morgendliche Einzeldosis
Fortführen, Ausschleichen
Ziel: ≤ 1 Jahr
Sarilumab ✓ / Tocilizumab
+ GC (≤ 16 Wochen)
GC-Dauer 6–8 Monate
1× 1000 mg (off-label)
- Vor Therapie: Begleiterkrankungen und Risikofaktoren für GC-Nebenwirkungen erheben
- Initialdosis: Bei hohem GC-Risiko eher 15 mg, bei hoher Aktivität eher 25 mg
- Cave: ≤ 7,5 mg initial meist unwirksam, > 30 mg kein Zusatznutzen bei mehr Nebenwirkungen
- Sarilumab: Seit 12/2024 in Deutschland zugelassen bei Rezidiv/unzureichendem Ansprechen auf GC
- Tocilizumab: Weiterhin off-label → Antrag auf Kostenübernahme vor Anwendung
Empfehlungen im Detail
Glukokortikoid-Therapie
Glukokortikoide bleiben Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der PMR. Die Empfehlungen 1–4 adressieren Initiierung, Dosierung, Reduktion und Dauer.
- Initiale Reduktion: 10 mg/d innerhalb von 4–8 Wochen erreichen
- Weitere Reduktion: ~1 mg alle 4 Wochen bis zum Absetzen
- Bei Rezidiv: Mindestens auf Prä-Rezidiv-Dosis erhöhen, dann in 4–8 Wochen wieder zur Rezidiv-Dosis reduzieren
- Nächtliche Schmerzen bei < 5 mg: Dosisaufteilung morgens/nachmittags (50/50 oder 66/34) erwägen
• GC-Monotherapie: höchstens 1 Jahr
• Mit Biologika: höchstens 16 Wochen
• Mit Methotrexat: individuelle Verkürzung auf 6–8 Monate
Angestrebte GC-Therapiedauer
IL-6-Rezeptor-Blocker, MTX & Rituximab
Die bedeutsamste Neuerung der S2e-Leitlinie 2024: IL-6-Rezeptor-Blocker werden erstmals für bestimmte Patientengruppen empfohlen. MTX und Rituximab sind Alternativen.
- PMR-SPARE (Tocilizumab): 36 Patienten, neu diagnostiziert. GC-freie Remission Woche 16: 63,2% vs. 11,8% Placebo (p=0,002). Kumulative GC-Dosis: 781 mg vs. 1290 mg (p=0,001)
- TENOR (Tocilizumab): 101 Patienten, GC-abhängig. PMR-Aktivitätsscore <10 in Woche 24: 67% vs. 31% Placebo (p<0,001)
- SAPHYR (Sarilumab) – Zulassungsstudie: 118 Patienten mit rezidivierender PMR. Anhaltende Remission 1 Jahr: 28,3% vs. 10,3% Placebo (p=0,02). Kumulative GC-Dosis: median 777 mg vs. 2044 mg (−62%, p=0,019)
Sarilumab (Kevzara®) ist seit Dezember 2024 in Deutschland zugelassen für PMR bei
erwachsenen Patienten, die auf Corticosteroide unzureichend angesprochen haben oder bei denen
ein Rezidiv während des Ausschleichens der CS auftritt.
Tocilizumab ist weiterhin nicht für die isolierte PMR zugelassen (off-label).
- GKV-Patienten: 10.348 – 14.191 Patienten fallen in das Anwendungsgebiet
- Rezidive: ~14–16% der PMR-Patienten erleiden Rezidive während GC-Ausschleichen
- Unzureichendes Ansprechen: ~29–33% erfahren nur partielle Symptomverbesserung unter GC
- Quelle: G-BA Nutzenbewertungsdossier Sarilumab, Februar 2025
| Substanz | Evidenz | GC-sparend | Limitationen |
|---|---|---|---|
| Methotrexat | Heterogene Studien, moderater Effekt | Moderat | Wirkungseintritt erst nach ~2 Monaten |
| Rituximab | 1 RCT (n=47): PMR-Score <10 in W21: 48% vs. 21% (p=0,049) | Ja (1595 mg vs. 2302 mg in W52) | Kleine Studie, kurze Dauer, off-label |
JAK-Inhibitoren: Tofacitinib-Studie aus China mit Bedenken bei Risk-of-Bias-Beurteilung.
Baricitinib-Studie (BACHELOR) vielversprechend, aber nach Stichtag der SLR publiziert.
Leflunomid: Nur Beobachtungsstudien, keine RCTs.
Abatacept: Keine positiven Studien (ALORS-Studie negativ).
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Ergänzende Therapieansätze, insbesondere für ältere und gebrechliche Patienten.
- Muskelmasse: Erhalt unter GC-Therapie (GC-induzierte Myopathie vorbeugen)
- Muskelfunktion: Kraft und Ausdauer erhalten
- Sturzrisiko: Reduktion durch Gleichgewichtstraining
- Knochengesundheit: Unterstützung bei GC-induzierter Osteoporose
Hinweis: Es gibt keine Studien, die den positiven Wert von physiotherapeutischen Maßnahmen bei der PMR belegen. Die Empfehlung basiert auf Expertenkonsens und dem nachvollziehbaren Wunsch der Patienten.
Monitoring
- Therapieziel: Remission = keine klinischen Symptome + normales CRP/BSG
- Kontrollparameter: Krankheitsaktivität, GC-Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen, Rezidive
- Intervalle: Bis Remission alle 1–4 Wochen, dann alle 3–6 Monate
Empfohlene Monitoring-Intervalle
| Phase | Intervall | Zu erhebende Parameter |
|---|---|---|
| Bis Erreichen der Remission | Alle 1–4 Wochen | Symptome, CRP, BSG, GC-Dosis, Nebenwirkungen |
| Stabile Remission | Alle 3–6 Monate | Krankheitsaktivität, Laborwerte, Begleiterkrankungen |
| Nach Therapieende | Individuell | Rezidiv-Monitoring |
Parameter bei Kontrollvisiten
| Kategorie | Parameter |
|---|---|
| Krankheitsaktivität | Schultergürtel-/Beckengürtelschmerzen, Morgensteifigkeit, Allgemeinsymptome, CRP, BSG |
| GC-Nebenwirkungen | Blutzucker, Blutdruck, Gewicht, Infektionen, Knochendichte (bei Langzeittherapie), Katarakt/Glaukom |
| Begleiterkrankungen | Diabetes, Hypertonie, Osteoporose, kardiovaskuläre Erkrankungen |
| RZA-Zeichen | Kopfschmerzen, Sehstörungen, Kauclaudicatio, Schläfenarterie |
Diagnostik vor Therapiebeginn
Folgende Untersuchungen können je nach klinischer Situation vor Therapiebeginn durchgeführt werden (individuelle Auswahl, nicht alle bei jedem Patienten):
| Laborparameter | Apparative Untersuchungen |
|---|---|
|
CRP, BSG Blutbild Rheumafaktor, Anti-CCP-AK ANA, ANCA Serumelektrophorese (ggf. Immunfixation) Glukose, HbA1c Kreatinin, Leberwerte Kalzium, Alkalische Phosphatase Vitamin D TSH, CK Urin-Stick Tuberkulose-Test (bei geplanter Biologika-Therapie) |
Röntgen-Thorax Abdomen-Sonographie Arthrosonographie (Schulter, Hüfte) Gefäßultraschall A. temporalis* Knochendichtemessung (DXA) Bei V.a. Vaskulitis: PET-CT, MRT oder KM-CT |
* Rheumatologische Zentren mit entsprechender Expertise sollten Gefäßultraschall bei Erstuntersuchung einbeziehen (Cowley et al. 2024).
Differentialtherapie
Therapiematrix nach Patientenprofil
| Patientenprofil | First-Line | Add-on bei Bedarf | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Neu diagnostiziert, niedriges GC-Risiko | GC 15–25 mg/d | — | GC-Monotherapie meist ausreichend |
| Neu diagnostiziert, hohes GC-Risiko (DM, Osteoporose, Glaukom) |
GC 15 mg/d + Sarilumab | — | Frühe Eskalation erwägen, GC ≤16 Wochen |
| Rezidiv unter GC-Reduktion | GC auf Prä-Rezidiv-Dosis + Sarilumab | Tocilizumab, MTX oder RTX | Sarilumab zugelassen! (12/2024) |
| Kontraindikation für IL-6-Blocker (Z.n. Divertikulitis, Nadelphobie) |
GC + MTX | Rituximab | GC-Dauer 6–8 Monate mit MTX |
| Ältere/gebrechliche Patienten | GC (angepasste Dosis) | Physiotherapie | Sturzprophylaxe, Osteoporose-Management |
Risikofaktoren für ungünstigen Verlauf
- Weibliches Geschlecht
- Hohe BSG > 40 mm/h bei Diagnose
- Periphere Arthritis
- Subklinische Riesenzellarteriitis (kürzlich publiziert)
- Schnelle GC-Reduktion (> 50% Reduktion nach 3 Monaten)
Prognose
- Verlauf: Meist selbstlimitierend über 1–3 Jahre, aber Rezidive häufig
- Lebenserwartung: Nicht reduziert bei isolierter PMR ohne RZA
- Hauptmorbidität: GC-induzierte Nebenwirkungen (Osteoporose, Diabetes, Infektionen)
- RZA-Risiko: ~20% entwickeln im Verlauf eine Riesenzellarteriitis
Verlaufsprognose
| Aspekt | Häufigkeit / Prognose |
|---|---|
| Therapiedauer | Median 1–3 Jahre, bis zu 5 Jahre bei ~30% |
| Rezidivrate | 30–50% während GC-Reduktion |
| GC-freie Remission | 50–70% nach 2 Jahren |
| Entwicklung einer RZA | ~20% im Verlauf |
| GC-Nebenwirkungen | Häufig bei Langzeittherapie (Osteoporose, Diabetes, Infektionen) |
Quellen: Buttgereit F et al. JAMA 2016; Dejaco C et al. Ann Rheum Dis 2024; S2e-Leitlinie DGRh/ÖGR/SGR 2024.
Leitlinien & Quellen
Zitierte Schlüsselstudien
Leitlinienkommission
Federführend: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh)
Koordination: Prof. Dr. Frank Buttgereit (Charité Berlin)
In Kooperation mit: ÖGR, SGR, DGG, DGIM, DGPMR, Deutsche Rheuma-Liga,
Fachverband Rheumatologische Fachassistenz