Polymyalgia rheumatica (PMR)

Therapie & Monitoring: Evidenzbasierte GC-Therapie, IL-6-Blockade mit Sarilumab (seit 2024 zugelassen) und systematisches Tapering zur Minimierung kumulativer Steroiddosen.

Die Polymyalgia rheumatica (PMR) ist eine entzündliche Erkrankung des älteren Menschen mit typischen proximalen Muskelschmerzen und Morgensteifigkeit. Die Therapie basiert primär auf Glukokortikoiden mit einem strukturierten Tapering-Schema. Neu zugelassen ist Sarilumab als erster IL-6-Blocker für die PMR, der bei GC-Abhängigkeit oder Kontraindikationen eine wichtige Alternative darstellt.

ICD-10
M35.3
Prävalenz
50-100 / 100.000
Geschlecht (w:m)
2-3:1
Manifestationsalter
>50 Jahre
Therapieessentials Therapieessentials
Das Wichtigste in Kürze
  • GC-Basistherapie: Startdosis 15-20 mg/d Prednisolon-Äquivalent, dann strukturiertes Tapering
  • Therapieziel: Vollständige Symptomkontrolle bei niedrigstmöglicher GC-Dosis, idealerweise Absetzen nach 12-18 Monaten
  • Sarilumab (NEU 2024): Erster zugelassener IL-6-Blocker für PMR bei GC-Abhängigkeit oder Unverträglichkeit
  • Cave RZA: Bei Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Kauclaudicatio immer an Riesenzellarteriitis denken!
💡 ACR/EULAR 2015 Praxistipp
  • Steroiddosen >7.5 mg/d sollten nach 4-8 Wochen vermieden werden
  • Bei Rezidiven: Dosis auf letzte effektive Dosis erhöhen und langsamer reduzieren
Cave: Riesenzellarteriitis ausschließen!
  • Bei PMR immer aktiv nach RZA-Symptomen fragen: Kopfschmerzen, Kauschmerzen, Sehstörungen, Schläfenkopfschmerzen
  • Bei Verdacht sofortige hochdosierte GC-Therapie (40-60 mg/d) und Duplexsonographie der Temporalarterien!
Therapiefluss Therapiefluss
Das Wichtigste in Kürze
  • Startdosis: Prednisolon 15-20 mg/d, bei unzureichendem Ansprechen max. 25 mg/d
  • Tapering-Ziel: Reduktion auf 7.5 mg/d nach 4-8 Wochen, dann langsame Reduktion (1 mg/Monat)
  • Sarilumab (NEU 2024): Bei GC-Abhängigkeit oder Unverträglichkeit als zugelassene Alternative
  • Therapiedauer: Ziel ist Absetzen nach 12-18 Monaten, bei Rezidiv: langsamer reduzieren

Die Therapie der PMR basiert auf einer strukturierten Glukokortikoid-Therapie mit dem Ziel, die Symptome rasch zu kontrollieren und gleichzeitig die kumulative Steroiddosis zu minimieren. Das ACR/EULAR-Schema von 2015 empfiehlt einen stufenweisen Dosisabbau ausgehend von 15-20 mg Prednisolon-Äquivalent täglich. Bei unzureichendem Ansprechen auf die Standardtherapie oder hohem Rezidivrisiko steht seit September 2024 mit Sarilumab erstmals ein zugelassener IL-6-Blocker für die PMR zur Verfügung.

PMR Therapie-Algorithmus

PMR-Diagnose gesichert
RZA ausgeschlossen
Prednisolon 15-20 mg/d (Startdosis)
4-8 Wochen
Ansprechen?
Gutes Ansprechen
Kein Ansprechen / Rezidiv
Tapering-Schema
10→7.5→5 mg/d
dann 1 mg/Monat ↓
Sarilumab 200 mg s.c. q2w
(seit 09/2024 zugelassen)
Ziel: Absetzen 12-18 Mo
oder
MTX 7.5-25 mg/Woche
(GC-sparend, off-label)
💡 Praxistipp: GC-Tapering
  • Bei Rezidiv während des Taperings: Dosis auf letzte effektive Stufe erhöhen und langsamer reduzieren
  • Kumulative GC-Dosis dokumentieren!

Therapie-Empfehlungen

Das Wichtigste in Kürze
  • GC-Basistherapie: Prednisolon bleibt Therapie der Wahl, Startdosis 15-20 mg/d
  • Sarilumab: Einziger zugelassener IL-6-Blocker für PMR (seit 09/2024), 200 mg s.c. alle 2 Wochen
  • MTX: GC-sparende Option bei hohem Rezidivrisiko oder GC-Nebenwirkungen (off-label)
  • Begleittherapie: Vitamin D + Calcium bei GC >3 Monate, Physiotherapie zur Erhaltung der Beweglichkeit

Glukokortikoid-Therapie

Phase Zeitraum Prednisolon-Dosis
Induktion Woche 0-4 15-20 mg/d
Initiales Tapering Woche 4-8 12.5 mg/d
Weiteres Tapering Woche 8-12 10 mg/d
Erhaltung Ab Woche 12 7.5 mg/d, dann 1 mg/Monat ↓
Ziel 12-18 Monate 0 mg (Absetzen)
Cave: GC-Nebenwirkungen
  • Bei prolongierter GC-Therapie: Osteoporose-Prophylaxe (Calcium + Vitamin D), Diabetes-Screening, Blutdruckkontrolle
  • Kumulative Steroiddosis dokumentieren!

Biologika & DMARDs

Sarilumab (Kevzara®) - seit 09/2024 zugelassen
  • Indikation: PMR bei GC-Abhängigkeit oder GC-Unverträglichkeit
  • Dosierung: 200 mg s.c. alle 2 Wochen
  • Studiendaten (SAPHYR): 28% vs. 10% anhaltende Remission (p=0.0193)
  • Vorteil: Signifikante GC-Einsparung, schnellere Reduktion möglich
Biologika & DMARDs Vergleich
Substanz Evidenz Dosierung Status
Sarilumab SAPHYR (RCT) 200 mg s.c. q2w Zugelassen
Tocilizumab Fallserien 162 mg s.c. q1w Off-label
MTX RCTs (moderat) 7.5-25 mg/Woche Off-label, GC-sparend
💡 Praxistipp: Sarilumab-Einsatz
  • Sarilumab ermöglicht beschleunigtes GC-Tapering
  • Vor Therapiebeginn: Hepatitis B/C, Tbc-Screening, großes Blutbild
  • Unter Therapie: Transaminasen, Neutrophile, Lipide kontrollieren

Nicht-medikamentöse Maßnahmen

Begleitmaßnahmen
  • Physiotherapie: Erhalt der Beweglichkeit, Kräftigung
  • Osteoporose-Prophylaxe: Calcium 1000 mg/d + Vitamin D 800-1000 IE/d bei GC >3 Monate
  • Lebensstil: Ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung, Sturzprophylaxe
  • Patientenedukation: Symptomerkennung, Bedeutung des Taperings, Warnsignale für RZA
💡 ACR/EULAR 2015
  • Strukturierte Patientenschulung verbessert Adhärenz
  • Ermöglicht Frühererkennung von Rezidiven und RZA-Symptomen

Monitoring

Das Wichtigste in Kürze
  • Therapiemonitoring: BSG/CRP zur Aktivitätskontrolle, initial 2-4 wöchentlich, stabil alle 3 Monate
  • GC-Nebenwirkungen: Regelmäßig BZ, RR, DXA bei GC >3 Monate
  • RZA-Screening: Bei jeder Visite aktiv nach Kopfschmerzen, Sehstörungen und Kauclaudicatio fragen!
  • Sarilumab-Monitoring: Transaminasen, Neutrophile und Lipide unter IL-6-Blockade kontrollieren

Parameter Frequenz Bemerkung
Klinik (Schmerzen, Steifigkeit) Jede Visite Visual Analog Scale, Morgensteifigkeit (min)
BSG, CRP Initial: 2-4 wöchentlich
Stabil: alle 3 Monate
Korrelation mit Aktivität
Blutbild Alle 3 Monate GC-NW, bei IL-6-Blocker: Neutrophile beachten
Blutzucker (nüchtern/HbA1c) Alle 3 Monate Steroiddiabetes ausschließen
RR-Messung Jede Visite GC-induzierte Hypertonie
Osteodensitometrie (DXA) Baseline, dann alle 1-2 J Bei GC >3 Monate
Cave: RZA-Warnsymptome aktiv erfragen!
  • Bei jeder Visite nach Kopfschmerzen (v.a. temporal), Kauschmerzen, Sehstörungen und Allgemeinsymptomen fragen
  • 15-20% der PMR-Patienten entwickeln eine RZA!

Prognose

Verlauf und Prognose
  • Therapiedauer: Durchschnittlich 1-3 Jahre, bei manchen Patienten länger
  • Rezidive: 30-50% der Patienten erleben mindestens ein Rezidiv während des Taperings
  • Absetzen möglich: Bei ca. 50-70% der Patienten nach 12-18 Monaten
  • Langzeitprognose: Grundsätzlich gut, Mortalität nicht erhöht
  • Hauptrisiko: GC-Nebenwirkungen (Osteoporose, Diabetes, Infektionen)

Die PMR ist eine selbstlimitierende Erkrankung mit insgesamt günstiger Langzeitprognose. Die Mortalität ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung nicht erhöht. Die durchschnittliche Therapiedauer beträgt 1-3 Jahre, wobei etwa 50-70% der Patienten nach 12-18 Monaten die Glukokortikoide vollständig absetzen können.

Das Hauptproblem sind Rezidive, die bei 30-50% der Patienten auftreten, häufig während des Taperings. Prädiktoren für einen längeren Verlauf sind hohe Entzündungsmarker bei Diagnose, weibliches Geschlecht und periphere Arthritis. Bei diesen Patienten sollte ein früherer Einsatz von Sarilumab erwogen werden, um kumulative GC-Nebenwirkungen zu vermeiden.

Die Hauptmorbidität resultiert nicht aus der Erkrankung selbst, sondern aus den Nebenwirkungen der prolongierten Glukokortikoid-Therapie: Osteoporose mit Frakturen, Diabetes mellitus, Infektionen, Katarakt und kardiovaskuläre Komplikationen. Daher ist die konsequente Begleitprophylaxe (Calcium/Vitamin D, ggf. Bisphosphonate) essenziell.

💡 Prognosefaktoren
  • Ungünstige Faktoren: Hohe Entzündungswerte initial, periphere Arthritis, weibliches Geschlecht
  • Diese Patienten benötigen oft längere Therapie und profitieren ggf. früher von Sarilumab

Leitlinien & Quellen

Aktuelle Leitlinien